AUSSTELLUNG • MALEREI & DRUCK  • ARTIST IN RESIDENCE

SPURENSUCHE
STILLE IN MAULBRONN

DAGMAR REICHE · LINDAU
Ausstellung 2. August 2026

Seit Anfang Juni lebt und arbeitet Dagmar Reiche in der Künstlerresidenz der Ludwig Seeburger Stiftung in Maulbronn. In der Finissage zu ihrer Schaffenszeit in der Klosterstadt zeigt sie Arbeiten „made in residence“. Die Kunstwerke umfassen Malerei, Monotypie und Fotografie. Zu sehen ist ein Ausschnitt davon, was Frau Reiche auf ihren Gängen durch Maulbronn gesehen, gefunden, wahrgenommen, gefühlt und erlebt hat.
Ihre poetische Bildsprache lädt ein zum Verweilen, Nachhorchen, Hinterfragen, emotionalem sich Einlassen. Dagmar Reiches Arbeiten versinnbildlichen ihr künstlerisches Credo: Kunst muss man nicht verstehen. Sie muss berühren.
SONNTAG 2. August 14 – 18 Uhr
Begrüßung: Karin Maria Seeburger, Vorstand Ludwig Seeburger Stiftung
Einführung: Dagmar Reiche

Der Eintritt ist frei. Spenden kommen dem Programm Künstlerresidenz Maulbronn zugute.

ludwig seeburger stiftung ausstellung dagmar reiche

Lauschen und schweigen (nach H. Hesse) | 24 x 32 cm | © Dagmar Reiche, Maulbronn 2026 | Acryl auf Acrylmalkarton

 

Einladung_Dagmar_Reiche.pdf

HINWEISE FÜR BESUCHER:
Die Atelierräume sind nicht stufenlos erreichbar.
Mit der Teilnahme an der Veranstaltung erklären Besucher sich mit einer möglichen Veröffentlichung von Foto- und Filmaufnahmen einverstanden.

 

Die stille Kraft des Unperfekten

Auf Spurensuche nach der Stille in Maulbronn wollte ich mich begeben, spielt dieses Thema doch seit einigen Jahren eine zentrale Rolle in meinem künstlerischen Schaffen. So bin ich losgelaufen: über Felder und Wiesen, vorbei an den alten Steinbrüchen und zum Roßweiher; durch den Wald und die Weinberge zum Aalkistensee. Ich habe die Nachbardörfer erkundet und – natürlich – das wundersame Kloster bestaunt. Ich habe festgestellt, dass der Hohenackersee eher ein Teich ist und der Tiefe See gerade ziemlich flach. Ich habe gelernt, dass es hier nicht nur roten, sondern auch gelben und grünlichgrauen Sandstein gibt. Ich bin taumelnden Schmetterlingen, schimmernden Libellen und einem neugierigen Dachs begegnet, habe Störche, Gänse und einen Reiher in ihrer Abendruhe gestört, während Ziegen und Kühe unbeeindruckt weiter an ihrer Mahlzeit kauten. Ich habe eine winzige Ringelnatter im Gras entdeckt und eine Baby-Fledermaus wieder nach draußen getragen. Ich habe die grafische Schönheit architektonischer Details bestaunt und an einem ganz anderen Ort vor verschlossenen Türen gestanden.

Ich habe Schatten gesammelt, die zum Licht gehören wie Kreuze zu einem Kloster. Und wie schon so oft habe ich festgestellt, dass erst beim Innehalten die kleinen, leisen Dinge ihre Kraft entfalten. Dass nicht Unversehrtheit perfekt ist, sondern erst die Unregelmäßigkeiten, Abweichungen, Verletzungen zu individueller Schönheit führen.

All diesen Spuren bin ich nachgegangen, habe Eindrücke gesammelt wie andere Menschen Brombeeren (die sich, während ich das schreibe, gerade dunkelviolett färben) – und kam abends randvoll mit Erinnerungen zurück.

Was daraus geworden ist? Mit einer druckgrafischen Serie habe ich mich mit den Ergebnissen der stillen Arbeit von Raupen, Schnecken und Käfern beschäftigt, die viele Blätter hier aussehen lassen wie einen Schweizer Käse. Die Hitze des Sommers ist in Malerei mit Rottönen transformiert, die eher an Landschaften in südlichen Gefilden erinnern; die Kühle von Wasser und Wald zeigt sich dagegen in Bildern in Blau- und Grüntönen. Mit dem Gefühl, mich hier sehr zuhause zu fühlen, habe ich an meiner abstrakten Seite „Coming Home“ weitergearbeitet. In meinen Skizzenbüchern finden sich vor allem flüchtige Eindrücke von Pflanzen und Steinen, in meinen Fotografien Impressionen von Licht und Schatten, Form und Linie und die Geometrie von Pflanzen und Klosterdecken.

ludwig seeburger stiftung ausstellung dagmar reiche

ohne Titel | Monotypie von der Gelplatte | 13,3 x 13,5 cm | © Dagmar Reiche, Maulbronn 2026 | Acryl auf Papier

ludwig seeburger stiftung ausstellung dagmar reiche

ohne Titel | Foto | © Dagmar Reiche, Maulbronn 2026

Richtig still ist es weder im Kloster noch im Wald. Doch die Geräusche dort geben Energie, statt sie zu nehmen, und es ist die Abwesenheit von sonst allgegenwärtigem Lärm, die gefühlte Stille erzeugt. Entschleunigung und Staunen bringen zur Ruhe. Innehalten, Wahrnehmen, Verwandeln – das zeichnet nicht nur meine Zeit hier, sondern allgemein den künstlerischen Prozess aus.
 
Dagmar Reiche, im Juli 2026